Lohnarbeit bedeutet
potentiell arm
- ohne Produktionsmittel, also auch ohne Lebensmittel -
zu sein mit der ständigen Gefahr tatsächlich arm zu werden
"... die
Armut der großen Masse, die immer noch, aller Arbeit zum Trotz, nichts zu
verkaufen hat als sich selbst, und der Reichtum der wenigen, der
fortwährend wächst, obgleich sie längst aufgehört haben zu arbeiten." (K.
Marx, Kapital I, MEW 23, S. 741f.) "In dem Begriff des freien Arbeiters
liegt schon, dass er ein Armer ist, potentieller Armer. Er ist seinen
ökonomischen Bedingungen nach bloßes lebendiges Arbeitsvermögen, ...
Bedürftigkeit nach allen Seiten hin, ohne objektives Dasein als
Arbeitsvermögen zur Realisierung desselben. Kann der Kapitalist seine
Surplusarbeit nicht brauchen, so kann er seine notwendige nicht
verrichten; seine Lebensmittel nicht produzieren. Kann sie dann nicht
durch den Austausch erhalten, sondern, wenn er sie erhält, nur dadurch,
dass Almosen von der Revenue für ihn abfallen. Als Arbeiter kann er nur
leben, soweit er sein Arbeitsvermögen gegen den Teil des Kapitals
austauscht, der den Arbeitsfond bildet. Dieser Austausch selbst ist an für
ihn zufällige, gegen sein organisches Sein gleichgültige Bedingungen
geknüpft. Er ist also virtualiter Pauper." (K. Marx, Grundrisse, S. 497).
Unter Armut versteht Karl Marx also zunächst nichts anderes als Mangel an
eigenen Produktionsmitteln, die die Lohnarbeiter zwingt, ihre Arbeitskraft
an das Kapital zu verkaufen, um leben zu können. In diesem Sinne ist auch
ein hochbezahlter Manager arm, solange er selber arbeiten muss und nicht
von seinen Dividenden leben kann. Aus solchen "virtuellen" (=
potentiellen) Armen werden wirkliche Arme, sobald das Kapital keine
Verwendung mehr für sie hat.
Weil die Lohnarbeiter
besitzlos sind,
müssen sie Reichtum für andere schaffen
"Von Tag zu
Tag wird es somit klarer, dass die Produktionsverhältnisse, in denen sich
die Bourgeoisie bewegt, nicht einen einheitlichen, einfachen Charakter
haben, sondern einen zwieschlächtigen; dass in denselben Verhältnissen, in
denen der Reichtum produziert wird, auch das Elend produziert wird ...
dass diese Verhältnisse den bürgerlichen Reichtum ... nur erzeugen unter
fortgesetzter Vernichtung des Reichtums einzelner Glieder dieser Klasse
und unter Schaffung eines stets wachsenden Proletariats."
(K. Marx, Elend der Philosophie, MEW 4, S. 141). "Es ist nur in der auf
das Kapital gegründeten Produktionsweise, dass die Armut erscheint als
Resultat der Arbeit selbst, der Entwicklung der Produktivkraft der
Arbeit." (Marx, Grundrisse, S. 497f.) Anders als in allen vorherigen
Gesellschaften beseitigt im Kapitalismus Arbeit also für die Arbeiter
nicht die Armut (Besitzlosigkeit von Produktionsmitteln), sondern schafft
nur immer neu den Gegensatz zwischen den Nichtbesitzenden (=Armen) und den
Besitzenden (=Kapitalisten).
Dieses Verhältnis
zwischen der Armut der Lohnarbeiter
und dem Reichtum der Kapitalisten bleibt aber nicht statisch,
sondern hat eine eigene Dynamik durch die Akkumulation des Kapitals
1. Gemessen
an dem Reichtum, den die Lohnarbeiter für das Kapital schaffen, werden sie
immer ärmer (="relative" Verelendung):
"...bringt
es die scheinbare Form des Handels, der Austausch, mit sich, dass der
Arbeiter, wenn die Konkurrenz ihm grade erlaubt zu markten und streiten
mit dem Kapitalisten, seine Ansprüche misst am Profit des Kapitalisten und
einen bestimmten Anteil verlangt an dem von ihm geschaffenen Mehrwert; ...
Ferner im Kampf der beiden Klassen - der sich bei Entwicklung der
Arbeiterklasse notwendig einstellt - wird das Messen der wechselseitigen
Distanz, die eben durch den Arbeitslohn selbst als Proportion ausgedrückt
ist, entscheidend wichtig." (Marx, Grundrisse, S. 491). "Das
Arbeitsvermögen ... tritt nicht nur nicht reicher, sondern es tritt ärmer
aus dem Prozess heraus, als es hereintrat. Denn nicht nur hat es
hergestellt die Bedingungen der notwendigen Arbeit als dem Kapital
gehörig; sondern die in ihm als Möglichkeit liegende Verwertung, ...
existiert nun ebenfalls als Surpluswert, Surplusprodukt, mit einem Wort
als Kapital.... Es hat nicht nur den fremden Reichtum und die eigene Armut
produziert, sondern auch das Verhältnis dieses Reichtums als sich auf sich
selbst beziehenden Reichtum zu ihm als der Armut, durch deren Konsum es
neue Lebensgeister in sich zieht und sich von neuem verwertet." (Marx,
Grundrisse, S. 356f.) "Es zeigt sich hier, wie progressiv die objektive
Welt des Reichtums durch die Arbeit selbst als ihre fremde Macht sich ihr
gegenüber ausweitet und immer breitere und vollere Existenz gewinnt, so
dass relativ, im Verhältnis zu den geschaffenen Werten oder den realen
Bedingungen der Wertschöpfung die bedürftige Subjektivität des lebendigen
Arbeitsvermögens einen immer grelleren Kontrast bildet. Je mehr sie sich -
die Arbeit sich - objektiviert, desto größer wird die objektive Welt der
Werte, die ihr als fremde - als fremdes Eigentum - gegenübersteht." (Marx,
Grundrisse, S. 359) "Wir sahen im vierten Abschnitt bei der Analyse der
Produktion des relativen Mehrwerts: innerhalb des kapitalistischen Systems
vollziehen sich alle Methoden zur Steigerung der gesellschaftlichen
Produktivkraft der Arbeit auf Kosten des individuellen Arbeiters ... Aber
alle Methoden zur Produktion des Mehrwerts sind zugleich Methoden der
Akkumulation, und jede Ausdehnung der Akkumulation wird umgekehrt Mittel
zur Entwicklung jener Methoden. Es folgt daher, dass im Maße wie Kapital
akkumuliert wird, die Lage des Arbeiters, welches immer seine Zahlung,
hoch oder niedrig, sich verschlechtern muss ... Es bedingt eine der
Akkumulation von Kapital entsprechende Akkumulation von Elend. Die
Akkumulation von Reichtum auf dem einen Pol ist also zugleich Akkumulation
von Elend, Arbeitsqual, Sklaverei, Unwissenheit, Brutalisierung und
moralischer Degradation auf dem Gegenpol, d. h. auf Seite der Klasse, die
ihr eignes Produkt als Kapital produziert. Dieser antagonistische
Charakter der kapitalistischen Akkumulation ..." (K. Marx, Kapital I, MEW
23, S. 674f.)
2. Im
Kapitalismus herrscht die ständige Tendenz, den erreichten Lebensstandard
zu drücken. (="absolute" Verelendung)
"Da ferner
die Bedingungen der auf das Kapital gegründeten Produktion ist, dass er
(der Arbeiter) immer mehr Surplusarbeit produziert, so wird immer mehr
notwendige Arbeit frei. Die Chancen seines Pauperismus vermehren sich
also." (Marx, Grundrisse, S. 497f.)
Die
Tatsache der relativen Verelendung der Lohnarbeiter wird auch von
bürgerlichen Wissenschaften kaum bestritten. Bestritten wird von ihnen
aber, dass es eine absolute Verelendung der Lohnabhängigen gebe oder
gegeben habe. Dazu kann folgendes gesagt werden:
a) An
welchem Zeitpunkt soll die "absolute Verelendung" gemessen werden? Am
Niveau von 1990? Am Niveau von 1970? Am Niveau von 1945? Oder gar am
Niveau von 1900? Die "absolute" Verelendung misst sich an einem zu einem
beliebigen Zeitpunkt gegebenen und beliebig wählbaren Niveau. Insofern ist
auch die "absolute" Verelendung nur relativ.
b) Die
Tendenz zur absoluten Verelendung wirkt ähnlich wie die Gravitation der
Erde: Die Tendenz zur absoluten Verelendung drückt das Lebensniveau der
Lohnarbeiter in Richtung Existenzminimum. Ebenso zieht die Erdanziehung
jeden Körper zum Erdmittelpunkt. Kein Physiker zieht aber aus der
Tatsache, dass noch kein Körper auf der Erde den Erdmittelpunkt erreicht
hat, den Schluss, dass es keine Erdanziehung gebe. Aber alle bürgerlichen
Ökonomen argumentieren so: Weil die absolute Verelendung in ihrer reinen
Wirkung nicht sichtbar oder messbar sei, gebe es sie nicht. Tatsache ist
nun mal, dass die Tendenz zur absoluten Verelendung wie die Gravitation
nicht "rein", das heißt ohne Dazwischentreten anderer Kräfte (z.B.
Gewerkschaften) wirkt.
c) In die
Lage der Arbeiterklasse müssen auch die Lebensverhältnisse der Kinder und
Jugendlichen, der Kranken, der Arbeitslosen und Rentner usw. alle mit
eingerechnet werden. In bürgerlichen Statistiken wird aber immer nur das
Lohnniveau der aktiven Arbeiter miteinander verglichen. Das zeigt dann
vielleicht ein steigendes Niveau - und selbst das nicht immer. Außerdem
wird durch Kapitalexport Lohnarbeiterelend exportiert: Wenn 40 Prozent der
Lohnarbeiter von Siemens im Ausland ausgebeutet werden, drückt sich nur in
der Gesamtlohnsumme geteilt durch die Anzahl aller Beschäftigten des
Konzerns die Durchschnittslage aller Siemensarbeiter wieder. Die Lage der
Arbeiter in Deutschland ist besser als dieser gesamte Durchschnitt. Diese
bessere Lage ist aber ein Ansporn für die Arbeiter im Ausland im
Lohnkampf. Wenn die Kapitalisten auf der einen Seite Widersprüche dämpfen
können, vertiefen sie nur die Widersprüche an anderer Stelle.
Nicht die "relative" oder
"absolute" Verelendung
sind die Haupttriebfeder des Kampfes gegen den Kapitalismus,
sondern die durch ihre Besitzlosigkeit erzwungene völlige Unterwerfung
der Lohnarbeiter (des gesellschaftlichen Gesamtarbeiters)
unter die Interessen des Kapitals (eine kleine privilegierte Minderheit)
"Die mehr
oder minder günstigen Umstände, worin sich die Lohnarbeiter erhalten und
vermehren, ändern jedoch nichts am Grundcharakter der kapitalistischen
Produktion." (K. Marx, Kapital I, MEW 23, S. 641) "Unter den bisher
unterstellten, den Arbeiter günstigsten Akkumulationsbedingungen kleidet
sich ihr Abhängigkeitsverhältnis vom Kapital in erträgliche ... Formen.
Statt intensiver zu werden mit dem Wachstum des Kapitals, wird es nur
extensiver... Von ihrem eignen anschwellenden und schwellend in
Zusatzkapital verwandelten Mehrprodukt strömt ihnen ein größerer Teil in
der Form von Zahlungsmitteln zurück, so dass sie den Kreis ihrer Genüsse
erweitern, ihren Konsumtionsfonds von Kleidern, Möbeln usw. besser
ausstatten und kleine Reservefonds von Geld bilden können. So wenig aber
bessere Kleidung, Nahrung, Behandlung und ein größeres anvertrautes
Vermögen (Pekulium) das Abhängigkeitsverhältnis und die Exploitation des
Sklaven aufheben, so wenig die des Lohnarbeiters. Steigender Preis der
Arbeit infolge der Akkumulation des Kapitals besagt in der Tat nur, dass
der Umfang und die Wucht der goldnen Kette, die der Lohnarbeiter sich
selbst bereits geschmiedet hat, ihre losere Spannung erlauben." (K. Marx,
Kapital I, MEW 23, S. 646) F. Engels 1885 im Rückblick auf 1845: "Und so
hat die Entwicklung der kapitalistischen Produktion allein hingereicht,
wenigstens in den leitenden Industriezweigen ... alle jene kleineren
Beschwerden zu beseitigen, die in früheren Jahren das Los des Arbeiters
verschlimmerten. Und so tritt mehr und mehr in den Vordergrund die große
Hauptursache, dass die Ursache des Elends der Arbeiterklasse zu suchen ist
nicht in jenen kleineren Übelständen, sondern im kapitalistischen System
selbst." (MEW 21, 252)